Mit Edmund Husserl steht am Anfang des 20. Jhs. ein Denker, der sich Zeit seines Lebens immer wieder neu subjektivitätstheoretischen Fragestellungen zugewandt hat. Dabei revidierte und bearbeitete er seine Überlegungen immer wieder neu. Die Annahme eines überempirischen Ichstandpunktes (reines Ich) wie die phänomenologische Explikation des Zeitbewusstseins stellen zwei immer wieder frequentierte Topoi dar. Husserls Überlegungen kommen dabei nie zu einem definitiven Ende, die man in ein geschlossenes System überführen könnte. Lebendiger Ausdruck dieser gedanklichen Anstrengungen Husserls sind die erst 2001 veröffentlichten, sog. Bernauer Manuskripte über das Zeitbewusstsein (1917/1918) aus dem Nachlass Husserls.
Folgendes Referat wendet sich einem zentralen Abschnitt über die Verbindung von reinem Ich und Zeitbewusstsein in den Bernauer Manuskripten zu. Husserl erweitert – man könnte auch sagen “verzeitlicht” – damit seine Konzeption des reinen Ichs, wie er sie z.B. in den Ideen[...] (1913) dargelegt hat.
vielen lieben dank für das feine referat!
spannender weise hatte ich vor ein paar jahren mal das konzept eines zeit- und RAUMlosen reinen “ichs” für mich durchdacht. ganz unabhängig von der lektüre philosophischer und psychologischer texte. mir ging es damals um das “wesen” des bewusstseins, wenn man so will; und die analytische – oder wie du in der kritischen würdigung des husserl’schen ansatzes unter dem gliederungspunkt “das methodische problem” geschrieben hast, spekulative – annahme eines reinen, zeit- und raumlosen “ichs” schien mir im zusammenhang meiner reflexion unabdingbar.
vor einigen tagen dann, als ich den selbstbewusstseinsparagraphen der hegel’schen phänomenologie noch einmal durchdacht hatte, wurde mir mein konzept des reinen “ichs” nach einer langen zeit des ruhens begrifflich noch einmal klarer und ich stimme, wie ich nun bei der lektüre deines referats feststellen durfte (denn den orginaltext habe ich bisher noch nicht gelesen) teilweise bis auf das wort genau mit husserl überein.
es ist schon spannend, wie bestimmte gedanken und denkreihen für lange zeit “schlummern” gehen und nach einiger zeit durch die lektüre zweier anregender texte wieder enormen “schub” erfahren können. vielen dank dafür, dass du mir einen dieser texte gut zusammengefasst zur verfügung gestellt hast!
(ceterum censeo: ich halte das zeit- und raumlose “ich” in der tat für einen induktiv gewonnen schluss, der in meiner nomenklatur unter die rubrik der spekulation fällt. allerdings habe ich keine modern /postmodernen aversionen gegen die spekulation. ich halte sie vielmehr für notwendig. auch die meisten naturwissenschaftlichen forschungsresultate nehmen ihren anfnag in einer spekulativen prolepse, der hypothese, die erst anschließend experimenteller überprüfungen unterzogen wird.)
Schön, dass die Gedanken zu Husserl für dich eine Anregung sein konnten. In welchem Zusammenhang hast du dich mit dem Selbstbewusstseinskapitel der Phänomenologie beschäftigt?
Übrigens habe ich gerade heute – kurz bevor ich deine Mail gelesen habe – wieder angefangen, die Bernauer Manuskripte von Husserl durchzuarbeiten.