Wer Geisteswissenschaften studiert (und nicht nur die- und derjenige) muss lesen, lesen, lesen. Aber Lesen ist nicht gleich lesen. Texte sind sehr unterschiedlich aufgebaut und erfordern daher differenzierte Lesetechniken. Wo man bei einem Text erkennen muss, dass die Details zum Verständnis der Position der Autors wenig beitragen, kommt man in einem anderen Text ohne genaue Analyse jedes einzelnen Satzes nicht weiter. Solche methodischen Hinweise hat man meist in der Schulzeit schon vernommen, aber spätestens in Seminaralltag werden Texte oft jedes Mal auf dieselbe Art und Weise behandelt und besprochen.
Ein Buch, das mir vor Jahren eine Hilfe war, sensibler für Textstrukturen und Lesetechniken zu werden ist der englischsprachige Klassiker How to Read a Book von Mortimer J. Adler und Charles Van Doren. Hier eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten Leseregeln aus dem Buch:
Regel 1
Du musst wissen, was für einer Literaturgattung das Buch angehört, das du liest. Du solltest dies noch vor dem ersten Lesen des Buches herausfinden (Hilfen: Vorwort, Inhaltsverzeichnis).
Regel 2
Sag in einem Satz (oder wenigen Sätzen) worum es in dem Buch geht. Gib die Einheit des Buches wieder.
Regel 3
Zerteile das Buch in seine Hauptteile und setze sie in Beziehung zueinander – wie sind sie angeordnet?
Regel 4
Finde heraus was die Problemstellung und die Fragen waren, auf die der Autor in seinem Buch eingeht.
Regel 5
Finde die wichtigen Wörter eines Buches und erkenne mit welcher Bedeutung sie der Autor gebraucht.
Regel 6
Markiere die wichtigsten Sätze des Buches und erkenne die Behauptungen, die sie beinhalten.
Regel 7
Finde die Argumente, die die Behauptungen stützen. Finde die Abschnitte, die die wichtigen Argumente beinhalten. Manche Bausteine für ein Argument befinden sich nicht in einem Abschnitt, sondern verteilen sich über das ganze Buch. Trage die einzelnen Bausteine zusammen, und füge sie zu dem ganzen Argument.
Regel 8
Finde heraus, was die Lösungen sind, zu denen der Autor kommt.
Regel 9
Du musst zuerst sicher verstehen, was der Autor meint, bevor du mit ihm übereinstimmen oder ihm widersprechen kannst.
Regel 10
Wenn du mit dem Autor nicht übereinstimmst, dann tue das begründet. Tue es nicht aus Streitsucht oder ohne inhaltliche Begründung.
Regel 11
Beachte den Unterschied zwischen begründetem Wissen und persönlicher Meinung, indem du jede kritische Beurteilung, die du abgibst, begründest.
Regel 12
Prüfe, ob dem Autor bestimmte Informationen fehlen.
Regel 13
Prüfe, ob der Autor von falschen Informationen ausgeht.
Regel 14
Prüfe, ob der Autor in seiner Argumentation unlogisch ist.
Regel 15
Prüfe, in seiner Abhandlung vollständig ist. Hat er seine Ausgangsfragestellung vollständig beantwortet? Hat der Autor alles Material in seine Abhandlung miteinbezogen, das ihm zur Verfügung stand?


Hubert Dreyfus ist Professor für Philosophie an der University of California, Berkeley und ist einer der US-Amerikanischen Heideggerexperten. Die Universität in Berkeley ist seit Jahren vorbildlich im Podcasten der Seminare und Vorlesungen und so gibt es zwei Vortragsreihen von Dreyfus zu Heideggers Sein und Zeit frei zum Download im Internet. Hier die Links zu den Vorträgen und einigen Artikeln von Prof. Dreyfus.


